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Mui Ne

 Mui Ne ist unser nächstes Ziel, um nach den vielen Stadt-Eindrücken etwas aufzuatmen und wieder ein wenig Zeit am Meer zu verbringen. Unsere Fahrt dorthin findet im bisher mit Abstand unbequemsten Bus statt. Er ist mit Liegesitzen ausgestattet, die doppelstöckig übereinander sind. Die Beine muss man in geschlossene Boxen stecken, ein schreckliches Gefühl, aber anders ist kaum zu sitzen, aufrichten können sich nur die Kinder. Kurz vor der Abfahrt verlässt eine Frau mit ihrem Mann panisch den Bus. Ihre Sitze waren ganz hinten, ohne Fenster und ohne Licht von oben. Sie hat eine Panikattacke, ist leichenblass, zittert am ganzen Leib und drängt sich unter gestammelten Entschuldigungen aus dem Bus.  

 

Später treffen wir die Beiden auf einer Raststätte wieder, entspannt und zufrieden. Das Busunternehmen hat auf der gleichen Strecke zur gleichen Zeit einen ganz normalen Bus mit Sitzen. Ihr Glück, unser Pech. Die Fahrt dauert fast sechst Stunden, wir sind froh, als wir endlich ankommen.

 

Leider war unsere Vorstellung von Mui Ne idyllischer als es sich nun in der Realität herausstellt. Der Strand ist zugebaut mit Resorts, deren Zugang zum Meer nur deren Gästen vorbehalten ist.

Unser Vermieter zeigt uns zwar ein Restaurant, durch das wir gehen dürfen, um an den Strand zu kommen, allerdings finden wir nur einen kurzen und schmalen Sandstreifen vor, der zwar zum Baden nutzbar ist, ein attraktiver Strand sieht anders aus.

 

Insgesamt fühlt sich Vietnam für mich sehr sperrig an. Nach dem sehr gastfreundlichen Kambodscha mit seinen vielen offenherzigen Menschen, mit seinen höflichen Gesten und vielen lachenden Gesichtern, wirkt Vietnam viel strenger und ernster. Wir suchen eine Weile, bis wir Orte finden, an denen wir uns wohl fühlen, und es sind weit weniger als bisher.

 

Mui Ne ist bekannt für seine roten und weißen Dünen, für seinen Fairy Stream und für seine vielen Fischerboote, die im Hafen vor sich hin schaukeln. Wir haben also ausreichend Programm für die Tage, die wir hier verbringen.

 

Um die weißen Dünen zu erreichen, mieten wir uns - wie schon so oft in Asien und bisher immer bewährt - zwei Roller. Diese Art der Fortbewegung und die Entscheidungsfreiheit gefällt uns in verkehrstechnisch überschaubaren Gegenden am Besten, ermöglicht es uns doch, die Orte so zu besuchen, wie sie unserem Rhythmus entsprechen ohne hetzen zu müssen, weil andere auf uns warten oder warten zu müssen, weil andere herumtrödeln. Nur wir vier, was oftmals schon genug Flexibilität erfordert.

 

Morgens setzen wir uns auf unsere Gefährte, die dieses Mal leider mit der einen oder anderen Macke aufwarten, und uns im Lauf des Tages auffallen und immer wieder behindern.

Kurz vor der Stadt halten wir an und lassen den Anblick der vielen Boote auf uns wirken, die vor Mui Ne auf ihren Einsatz warten. Neben den bunten Holzschiffchen treiben auch eine Menge runde Plastikboote. Sie sehen aus wie zu groß geratene Salatschüsseln, gefüllt mit dem einen oder anderen Menschen. Auch sie sind mit Schiffsmotoren ausgestattet und tuckern recht unbeholfen übers Wasser. Ein lustiger Anblick.

 

Die Stadt lassen wir noch entspannt hinter uns, und auch die roten Dünen, denen wir nachmittags einen Besuch abstatten möchten.

Bis eine Frau, die winkend und schreiend vor unsere Roller springt. Erst nehmen wir an, es sei etwas passiert und sie bräuchte Hilfe, statt dessen ist sie recht aggressiv auf Kundenfang für ihren kleinen Laden mit kostenpflichtiger Parkmöglichkeit. Einige winken und rufen, keiner, der sich die mögliche Einnahmequelle entgehen lassen will.

 

Keine fünf Minuten später geraten wir in eine Polizeikontrolle. Hier werden nur Westler angehalten, alle Einheimischen und asiatisch aussehenden Rollerfahrer dürfen unbehelligt weiter. Unsere Führerscheine haben wir nicht dabei, weil uns mehrfach ans Herz gelegt wurde, alle Papiere in der Unterkunft zu lassen, damit sie nicht geklaut werden können. Nun wollen die Polizisten die Roller konfiszieren, ein Bußgeld einziehen, die Personalien aufnehmen. Wir sind jedoch genauso hartnäckig wie sie, bestehen darauf, dass einer von uns die Führerscheine holen darf, um das ganze Theater zu beenden. Einverstanden sind sie anfangs nicht mit unserer Gegenwehr, der Ton wird kurzzeitig rauher, aber je unbeugsamer sie sind, umso mehr Trotz und Unwillen regt sich auch bei uns.

Gemeinsam gelingt es uns, sie schließlich zum Einlenken zu bewegen. Sie schicken uns weiter. Nein, sie wollen nun auch die Führerscheine nicht mehr sehen. Sie sagen uns sogar fest zu, uns bei der Rückfahrt unbehelligt passieren zu lassen, wir sollen jetzt aber losfahren. Und wir hätten ihre Milde nur dem Umstand zu verdanken, dass wir Kinder hätten.

Ein Anflug von Triumph mischt sich in meine Anspannung, als wir weiterfahren. Trotzdem hinterlässt diese Begegnung einen unangenehmen Schatten, der mein Verhältnis zu diesem Land nicht gerade verbessert. Erstaunlich, wie einige seltsame bis unangenehme Erfahrungen zu Beginn des Kennenlernens – sei es nun ein Land, ein Mensch, eine andere Kultur – das ganze Verhältnis nachhaltig prägen können.

 

 

Die weißen Sanddünen

 

Die weißen Dünen von Mui Ne sind durchaus eindrücklich. Es ist wesentlich weniger Betrieb, als ich erwartet und befürchtet hatte. Wir entscheiden uns, die Dünen zu Fuß zu erkunden. Es gibt zwar Quads und Jeeps zu mieten, mit denen man durch die Dünenlandschaft brausen kann, aber das ganze Theater ist mir zu viel und zu albern. Was wir uns mieten sind zwei Plastikschlitten, mit denen man angeblich die Dünen hinunter rauschen kann, ein kleiner Ersatz für die dieses Jahr ausfallenden Schlittenfahrten.

 

Trotz einiger Wolken ist es auf dem Sand unerträglich heiß. Die reflektierende Hitze und die starke Strahlung macht jeden Schritt zu einer Anstrengung. Wir kämpfen uns auf eine der Dünen, um die Schlitten auszuprobieren, leider gänzlich ohne Erfolg. Statt über den Sand zu gleiten, versinken sie einfach. Nach einigen erfolglosen Versuchen geben wir schließlich auf. Die Landschaft ist auch ohne Schlittenfahrten beeindruckend und herausfordernd genug.

 

Der Weg zurück, obwohl er bergab geht, kostet und viel Schweiß und Energie. Am Fuß dieser unwirklichen Landschaft gibt es einige Restaurants, von denen eines uns schließlich mit jeder Menge Wasser und Süßkram versorgt, bevor wir die Rückfahrt antreten.  

 

Das Meer und der Strand sehen hier einladender und unverbauter aus. Auf unserer Suche nach einem geeignetem Badeplatz finden wir in einer ausgestorben wirkenden Straße, noch weit entfernt von Mui Ne, ein Lichtblick in Form eines Hostels direkt am Meer. Drumherum scheint nichts zu sein, das wirklich einladend ist, aber dieses Hostel hat alles, was wir für ein paar Tage gebraucht hätten; eine tollen Strand, Hütten, Chill-Ecken und ein Restaurant, das uns mit allem Nötigen versorgt hätte. Leider haben wir unsere Weiterreise schon vorbereitet. Hier wäre ein guter Ort gewesen, um noch einmal anders in Vietnam anzukommen.

Den Nachmittag dort genießen wir in vollen Zügen, toben ausgiebig im Meer und entspannen uns, bevor es wieder zurück nach Mui Ne geht, an der Polizeikontrolle durch, die, nachdem sie uns erkennen, tatsächlich ihr Versprechen einlösen und uns weiterwinken, wahrscheinlich genauso froh wie wir, sich nicht noch einmal mit uns herumärgern zu müssen.

 

Für die roten Dünen ist es schon zu spät, wir beschließen, sie uns am nächsten Tag anzusehen, was wir dann doch nicht tun werden. Nach diesem Erlebnis hat mich die Lust verlassen, noch einmal einen Roller zu mieten und das gleiche Prozedere womöglich ein weiteres Mal durchkauen zu müssen.

 

 

Fairy Stream

 

Vehikel-technisch steigen wir am nächsten Tag um auf Fahrräder. Hier gibt es welche, die statt Gepäckträger einen bequemen Sitz mit ausklappbaren Fußstützen haben, sodass die Kinder völlig anstrengungsfrei von uns zum Fairy Stream kutschiert werden können. Unser Tempo ist überschaubar, die Entfernung ist es auch. Auch hier werden wir wieder – dieses Mal von einem jungen Mann – gerufen. Er winkt uns, ihm zu folgen. Wie nett, denke ich, er möchte uns den richtigen Weg zeigen. Nein, möchte er nicht, ihm geht es einzig und allein darum, für die Räder eine Parkgebühr zu verlangen. Etwas verärgert drehen wir wieder um und parken vorne an der Straße.

 

Dort entdecken wir auch den direkten Zugang zum Fairy Stream, der jetzt in der Trockenzeit ein kleines Rinnsal ist und gemächlich in seinem Flüsschenbett dahinplätschert, es ist kaum knöcheltief. Barfuß spazieren wir den Bachlauf entlang, zusammen mit einigen anderen. In dem Bächlein stehen einige Verkaufsstände, die Souvenirs anbieten, unter anderem Flaschen, gefüllt mit Fairy-Stream-Sand.

Entgegen kommen uns einige Besuchergruppen, angeführt von ihrem einheimischen Guide. Der Weg ist allerdings nicht allzu kompliziert, keinerlei Abzweigungen, keine großen Hürden oder Hindernisse; wir meistern ihn auch ganz ohne fremde Hilfe und Anleitung.

 

Immer wieder sehen wir Schilder, die auf Restaurants und andere Angebote hinweisen, sogar Straußenreiten könnten wir hier. Mein Lieblingsschild kommt aber ganz am Ende des Baches, der in einem kleinen Wasserfall endet. Dort führt eine Metalltreppe den Felsen hinauf mit dem Hinweis, das man sich dort für den Rückweg ein Taxi rufen kann.

 

Die Landschaft selbst ist wirklich eigenartig und märchenhaft. Dieses kleine Flüsschen in seinem roten Flussbett, eingerahmt von diesen Gebilden aus rotem und weißem Sand wirken unwirklich. Sehr schwer zu beschreiben finde ich dieses Schauspiel.

Eine ganze Weile sitzen wir im Fluss, trinken Kokosnuss und lassen diese Szenerie auf uns wirken, während die Kinder ganz versunken im roten Matsch spielen und einen kleinen Staudamm bauen.

 

Ausklingen lassen wir den Abend und unseren Aufenthalt in Mui Ne in einem unserer beiden Lieblingslokale.



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