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Tam Ky und Hue

 

Tam Ky ist unser nächstes Ziel. Es taucht in unserem Reiseführer nicht auf, auch im Internet findet man nicht viel über den Ort, ein guter Platz also, um den Touristenmassen und den damit einher gehenden Angeboten und Problemen aus dem Weg zu gehen.  

 

Mit dem Zug fahren wir dorthin, bequem im Schlafwagen schaukeln wir der Stadt entgegen.

Unsere Unterkunft liegt am Meer, außerhalb der Stadt und ziemlich verlassen. Sie scheint gerade erst wieder aktiviert zu werden. 

Wir sind die einzigen Gäste. 

 

 

Eine Menge junger Leute arbeitet dort vor sich hin, jeder tut irgend etwas, allerdings nicht unbedingt zielführend. Eine Organisation ist so gut wie nicht vorhanden. Alles wirkt unstrukturiert und provisorisch, was unseren Aufenthalt dort etwas anstrengend macht.

Es scheint für diesen Küstenabschnitt größer Pläne im Bezug auf den Tourismus für die Zukunft zu geben, zumindest zeugt die schon vorbereitete überdimensionierte Uferpromenade davon, allerdings ist von der Infrastruktur noch nicht viel zu sehen.

 

Landschaftlich ist die Gegend sehr ansprechend. Das Meer ist rauh und außer Einheimischen, die in Ufernähe angeln, Muscheln und Quallen sammeln, ist kein Mensch weit und breit. Auch hier gibt es viele Fischer mit ihren für die Gegend typischen Boote. 

 

Was die Leute hier mit den Quallen machen, fragen wir uns. In den Dörfern sitzen immer wieder Frauen am Straßenrand und verkaufen ihre wabbelige Ware, klein geschnitten, an ihre Kunden. 

Und schließlich erfahren wir auch das. Quallensalat wird hier in Vietnam, wie auch in anderen Teilen Asiens, gerne und oft gegessen. Auch in einigen Gourmet-Restaurants Europas hält sie Einzug. Sie soll sehr gesund sein, kein Fett und reich an Vitaminen, allerdings von unserer Vorstellung von leckerem Essen meilenweit entfernt. 

Sogar die WHO empfiehlt in einer Studie von 2013, Quallen als Nahrungsmittel zu sehen. Ihr Slogan:

"Kannst du sie nicht bekämpfen, iss sie."

 

Aber zurück zu Tam Ky. Was ich nicht bedacht hatte: wenn es wenig bis keinen Tourismus gibt, fallen auch Möglichkeiten und Einrichtungen weg, die uns ansonsten ermöglichen, beweglicher zu sein. Roller gibt es keine zu mieten, wir suchen lange in der Stadt und geben irgendwann auf. Auch mit Englisch kommen wir oft nicht weiter, Hände, Füße und Gesten sind gefragt, um zu dem zu kommen, was wir brauchen.

Die Menschen kommen zwar auf uns zu, wollen uns gerne etwas servieren oder verkaufen, aber es scheitert an der Kommunikation.

 

Trotzdem finden wir auch hier wieder unsere Lichtblicke.

Zum Beispiel die Fahrt mit dem Fahrrad Richtung Stadt, auf der wir irgendwann einkehren in einem Straßenlokal, das einfache Gerichte für die Einheimischen anbietet und wir die einzigen Gäste sind. Das Essen schmeckt nach der anstrengenden Fahrt durch die Hitze wundervoll, die Frauen sind sehr freundlich und freuen sich über unseren guten Appetit, wir fühlen uns sehr willkommen.

 

Der Besuch in dem Dorf Bich Hoa Tam Tanh ist zwar nur kurz, aber beeindruckend. An viele Hauswände sind Bilder gemalt, die den Ort in eine Freiluft-Galerie verwandeln. Fotografierend und staunend schlendern wir durch die Straßen, und ich bin einmal mehr beeindruckt davon, wie viel Unterschied ein wenig Farbe und Gestaltung machen kann.

 

Leider nutzt der Ort seine Besonderheit nicht wirklich. Es scheint weder Unterkünfte noch Lokale zu geben, die auf ausländische Besucher eingestellt sind. Wieder ist die Sprachbarriere deutlich zu spüren und hemmt weitere Kontakte.

 

 

In Tam Ky finden wir ein Lokal, das neben einem mit Blumen behängten Baumhaus auch Fotos und alte Kameras ausgestellt hat. Nicht viele, nichts Großartiges, und trotzdem ein guter Ort, an dem wir gerne verweilen. Der Besitzer spricht kein Englisch, die Bestellung geht sehr langsam vonstatten, mehrfach geht er zum Geschäft um die Ecke, um die Getränke für uns zu besorgen, weil er selbst keinen funktionierenden Kühlschrank hat. Es dauert lange, es ist improvisiert und genau deshalb so charmant.

 

Die Kinder freuen sich sehr über den Bäcker in der Nähe des Bahnhofes, den wir um einige seiner süßen Waren erleichtern und am Tag unserer Abfahrt noch einmal besuchen werden, um unser Proviant dort zu kaufen.

 

Auf unserer Suche nach zwei Rollern frage ich einen Jungen, der gerade vorüber geht, ob er Englisch spricht. Er ist sehr überrascht, nimmt seinen Mut zusammen und unterhält sich mit uns. Bei einem Roller-Verkäufer übernimmt er die Dolmetscher-Rolle, bewundert von seinen Kameraden, die ein ganzes Stück weiter weg stehen und alles genau beobachten. Als wir ihm für seine Hilfe danke und ihm ein kleines Trinkgeld geben wollen, lehnt er ab. Er ist so stolz auf sich, ich auch. Und im Weggehen beobachten wir, wie er von seine Freunden belagert und bewundert wird. Er ist mindestens 10 cm größer als zuvor.

 

Die Warterei auf den Bus versüßt uns eine Frau mit ihrem Getränkestand. Wir bestellen eine Kokosnuss und bekommen statt dessen vier Kokosnuss-Cocktails aus Kokossaft, frischen und weichen Kokosfleischstückchen und einem Schuss Orangensaft, eine Offenbarung bei der Hitze.

 

Lauter kleine Orte, Gegebenheiten und Begegnungen, die mir Freude bereiten, die ich mitnehme.

 

Und doch, das sperrige Gefühl im Bezug auf Vietnam hält an. Wir entschließen uns, unseren sowieso schon kurzen Aufenthalt von 14 Tagen weiter zu verkürzen.  


 

Hue

 

Der letzte Ort, den wir in Vietnam kennen lernen, ist Hue.

Die Zugfahrt dorthin ist großartig. Nicht die Abteile, die ziemlich voll sind und wesentlich weniger neu und bequem als angekündigt, aber die Aussicht, die sich uns immer wieder bietet, ist grandios. Ein Großteil der Strecke führt an der Küste entlang und bietet eine beeindruckende Aussicht auf die Landschaft, die wir durchqueren. Immer wieder steht ein Aufsichtsposten an der Strecke, mitten im Nirgendwo. Was deren Aufgabe ist, erschließt sich mir nicht.

 

Hue ist bekannt für seine Kaiserstadt, die „verbotene Stadt“, die einer Miniatur-Ausgabe des Vorbildes aus Peking gleichen soll. Wir schenken ihr nicht die gebührende Aufmerksamkeit, die sie verdient hätte. Zu sehr sind wir schon mit der Ausreise aus Vietnam beschäftigt, zu wenig erwarten wir uns von dem Besuch mit den Kindern, die nach kurzer Zeit müde werden und eine intensive Auseinandersetzung mit dem Ort uns daher für nicht möglich erscheint.

 

Statt dessen staunen wir über die mächtigen Mauern, die die alte Stadt umgeben und über die Panzer, Hubschrauber und Militärflugzeuge, die vor dem Kriegsmuseum innerhalb der Stadtmauern stehen.  

 

Das Hue, das wir hauptsächlich wahrnehmen, ist das Leben auf der Straße in unserem Viertel und ein bisschen darüber hinaus.

 

In unserer Nachbarschaft gibt es einige Wohnungen mit schönen Balkon-Gärten. Zwei von ihnen sind voller Pflanzen und Orchideen, die von der Decke baumeln und eine Art Mini-Luft-Garten bilden. Morgens werden sie ausgiebigst gegossen, es scheint ein tägliches Ritual zu sein, dass mit großem Ernst vollführt wird seinen ganz eigenen Regeln folgt.  

Diese grünen Oasen verwandeln diese ansonsten recht triste Straße ein kleines grünes Stadtparadies.

 

Neben unserer Unterkunft feiert eine Familie zwei Tage hintereinander ein aufwändiges Ritual mit Unmengen an Essen, einem Feuer am Straßenrand und einer Menge Papier, das als Opfergabe verbrannt wird. Es dauert jedes Mal mehrere Stunden. Der Zweck des Rituals erschließt sich uns nicht, aber gemessen an dem Aufwand, den die Familie betreibt, muss es von großer Bedeutung sein. Übrig bleibt jedes Mal nur ein großer Haufen Asche.

 

Gefrühstückt wird beim Baguette-Stand an der Straßenecke – Baguette mit Rührei und Kräutern. Dann geht es zum Café mit dem Zuckerrohrsaft, von wo aus wir das Treiben auf der Straße beobachten können. Schon morgens bevölkert sich der Straßenrand mit Frauen, die ihr Obst und Gemüse verkaufen. Roller, Räder, Autos und Fußgänger schieben sich durch die Straße.

 

 

In Hue treffen wir auch wieder auf Cyclos, die Fahrradrikschas, die ihre Gäste durch die Stadt kutschieren und hauptsächlich für die Touristen interessant sind. Als reguläres Verkehrsmittel haben sie aufgrund ihrer Langsamkeit inzwischen leider ausgedient.

 

Hue ist ein versöhnlicher Abschluss mit Vietnam. Fast ein wenig schade finde ich es, dass wir uns entschlossen haben, so schnell weiterzureisen und uns für diese Stadt nicht noch ein oder zwei Tage mehr Zeit genommen haben.

 

Und doch, unsere Vorfreude und Neugier auf Laos ist groß, weiter geht die Reise.

 



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