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Battambang - Fledermäuse und andere Spektakel

In dieser Stadt habe ich das Gefühl, Kambodscha näher zu kommen.

Die Gegensätze, die dieses Land prägen, sind mir hier sehr deutlich vor Augen und treiben mir immer wieder die Tränen in die Augen.

 

Es gibt hier einige Menschen, die von Minen oder vom Krieg gezeichnet sind, nur noch ein Bein oder gar keine Beine mehr haben.

 

Mir wird sehr bewusst, dass wir in einem Land sind, in dem immer noch Menschen Opfer von Minenunfällen werden, in dem immer noch Minen herumliegen und Leben und Gesundheit vieler Menschen gefährden.

 

Auch die Armut vieler Leute ist sichtbar, die Kluft zwischen arm und reich ist groß. Während die einen auf den Bänken im Park, in Hängematten unter ein paar Bäumen oder einfach auf der Straße schlafen, fahren recht viele teure und neue Pickups durch die Stadt.  

Und auch hier begegnen uns wieder Initiativen, die sich um Hilfsbedürftige kümmern. Aber davon später mehr.

 

Die Stadt ist sehr lebendig, die französische Kolonialzeit zeigt sich deutlich in der Architektur. Die Straßen sind bunt und laut, und auch die Menschen sind es.

 

 

Fledermäuse ohne Ende 

 

Unser erster Ausflug führt uns zum Phnom Sampeau, einem Berg in der Nähe von Battambang, bei dem man Fledermäuse beobachten kann, wie sie abends ihre Höhlen verlassen, um auf Beuteflug zu gehen. Dort gibt es auch, neben einigen Tempeln, eine Gedenkstätte – die Killing Caves - für Opfer der Roten Kmer, die damals in einer Höhle weiter oben am Berg zu Tode geprügelt wurden.

Mit den Kinder beschränken wir unseren Besuch auf die Fledermäuse. Die direkte Auseinandersetzung mit Kambodschas jüngerer Geschichte haben wir uns für Phnom Penh vorgenommen.

 

Auf der Fahrt dorthin, passiert fast ein Unfall, weil ein Roller vor uns ins Rutschen gerät und der Fahrer samt Beifahrerin auf die Straße fällt. Zum Glück reagiert unser Fahrer schnell und weicht aus, sie sind bis auf einige Schrammen unverletzt und stehen Beide gleich wieder auf. Ein kurzer Schreckmoment.

 

 

Als wir mit unserem Tuk-Tuk dort ankommen, sind wir erst einmal etwas erschlagen von der Menge der Menschen und Buden, die dort versammelt sind. Dass ein paar Fledermäuse solch einen Trubel auslösen, darauf bin ich nicht vorbereitet.

 

Gemeinsam mit vielen anderen warten wir auf die Dämmerung. Und plötzlich kommen sie. Erst einzelne, dann immer mehr bis schließlich ein Strom von Fledermäusen aus dem Höhleneingang fließt und seinen Weg auf die Felder sucht. Sie reagieren auf die Geräusche unter ihnen, zucken immer wieder im Kollektiv zusammen, als würde ein elektrischer Impuls sie erfassen. Wir hören ihre Schreie ganz leise über uns. Diese Masse ist tief ergreifend und der Strom reißt nicht ab. Während die große Masse sich nach kurzer Zeit auf den Rückweg macht, sitzen wir mit den Kindern und einigen anderen fast andächtig da und staunen über diese unfassbare Menge, die sich aus der Felsspalte in die Dunkelheit ergießt.

 

Wir geben auf, als es zu dunkel ist, um noch etwas zu erkennen und unser Tuk-Tuk-Fahrer nervös wird. Auch er möchte zurück in die Stadt.

 

Drei Minuten habe ich für Dich von diesem Wunder.

 

 

Bamboo Train

 

Ein weiterer Ausflug führt uns zu den bekannten Bamboo-Trains, einem Gefährt aus zwei Eisenbahn-Radachsen, einer leichten Bambuskonstruktion, die auf die Achsen gesetzt wird, und einem kleinen Benzinmotor.

 

Zu Beginn ihrer Geschichte wurden diese Wagen mit Stangen vorwärts geschoben, dann wurde der Motor als Antrieb eingesetzt. Benutzt wurden sie, um Waren und Menschen zu transportieren, auch als Krankentransport waren sie im Einsatz. Das Schienennetz aus der französischen Kolonialzeit war zwar nicht mehr gut in Schuss, mit diesen Wagen waren sie jedoch befahrbar und ermöglichten Transporte über weitere Strecken. Die Regel galt: Wer weniger geladen hatte, musste seinen Wagen abladen und von den Schienen nehmen, um den entgegen Kommenden durchzulassen.

 

Jetzt wird der Bamboo Train hauptsächlich benutzt, um Besucher zu transportieren. Der Staat hat sich die Einnahmen gesichert und kassiert die Fahrtgelder, die Einheimischen verdienen ihren Anteil an den Tuk-Tuk-Fahrten, durch die Verkäufe an den Buden der „Endhaltestelle“ der Besucherstrecke, die Fahrer bekommen Trinkgeld für ihren anstrengende Arbeit.

 

Wieso anstrengend, fragst Du Dich vielleicht. Die Fahrt ist spannend, ziemlich ruckelig, und in regelmäßigen Abständen durchzucken Wagen und Mitfahrer harte Schläge durch die Unregelmäßigkeiten und Verschiebungen der Schienen.

 

Für uns ist es eine fröhliche Fahrt, haben wir doch einige Wagen hinter uns und sehen immer den entgegen Kommenden beim Absteigen und Abbauen des Bamboo Trains zu. Ich stelle mir vor, wie die Diskussionen früher verlaufen sind, wenn zwei Wagen sich auf der Strecke begegnet sind und

entschieden werden musste, wer nun ablud. Auch die Anstrengung muss groß gewesen sein, die Waren auf diesen schlechten Strecken stunden-, tagelang zu transportieren. Für die Fahrer ist es dies nach wie vor.

 

An der „Endhaltestelle“ erwarten uns Buden mit Getränken, Snacks, Kleidern und jede Menge Kinder, die versuchen, ihre Armbändchen an die Besucher zu verkaufen. Es ist schwer, ihnen nichts abzukaufen, sie sind engagiert, fröhlich, ein quirliger Haufen durcheinander schnatternder Kinder. Und doch kaufen ich nichts von ihnen, weil ich nicht unterstützen will, dass die Eltern sie weiter auf die Straße schicken, um Geld zu verdienen. Gleichzeitig sehe ich, dass viele Familien auf zusätzliche Einkünfte angewiesen sind, eine Zwickmühle, die mich immer wieder quält.

Ein Mädchen, sie ist vielleicht drei oder vier Jahre alt, „spielt“ dieses Verkaufsspiel fröhlich mit, allein die Regeln sind ihr nicht klar. Die Kinder bieten zwei Bändchen für 1 Dollar. „4 for 1 Dollar“ ruft sie fröhlich, auch sie verdient nichts an uns.

 

Wir erfahren vor der Abfahrt, dass die Fahrer der Bamboo Trains nicht bezahlt werden von der Regierung, sondern nur für die Trinkgeldern arbeiten. Ob es stimmt, lässt sich nicht herausfinden, aber wir geben unserem Fahrer, der auf der Rückfahrt mehrmals anhält, damit wir fotografieren können und zwischendurch versucht, Höchstgeschwindigkeit zu erreichen, gerne eine Anerkennung.

Auf "Drei Minuten" kannst Du uns auf unserer Fahrt begleiten.

 

 

Phare Ponleu Selpak

 

Ein besonderes Erlebnis wird der Besuch in der Zirkusschule „Phare Ponleu Selpak“.

Die Gründer dieser Einrichtung lebten als Kinder in einem Flüchtlingslager an der thailändischen Grenze. Dort bekamen sie die Möglichkeit, eine Kunstklasse zu besuchen. Sie machten die Erfahrung, dass das Malen ihnen als Werkzeug dienen konnte, ihre traumatischen Erlebnisse mitzuteilen und zu verarbeiten, die sie während der Herrschaft der Roten Khmer erleiden mussten.

 

Als sie 1992 nach Battambang zurückkehrten, ging es der Stadt und ihren Menschen sehr schlecht. Vor allem die Kinder litten unter ihren Erlebnissen, der Armut, unter Gewalt und Ausbeutung.

Ihr Wunsch, beim Wiederaufbau der Gesellschaft zu helfen und vor allem die Kinder zu unterstützen und zu fördern, die es am dringendsten benötigten, trieb sie gemeinsam an.

Das Ergebnis ist „Phare Ponleu Selpak“.

 

Begonnen haben sie ganz klein mit einer Kunstklasse. Nach und nach wuchs das Projekt, es kamen Musikklassen und die Zirkusschule dazu.

Inzwischen sind die Dimensionen beeindruckend.

Neben einem Kindergarten, einer Schule, einem „Child Develop Center“, das Freizeitangebote und Workshops für Kinder anbietet, und einer Bücherei, die gleichzeitig kostenlose Nachhilfeangebote bietet, gibt es eine Unmenge an zusätzlichen Unterstützungsprogrammen für die Kinder und ihre Familien.

 

Alle Kinder, die dort Unterstützung erfahren, kommen aus ärmsten Verhältnissen. Durch „Phare Ponleu Selpak“ und die dort angebotenen Hilfs- und Ausbildungsangebote haben sie sehr gute Chancen, der Armutsspirale zu entkommen.

An die 1000 Kinder und Jugendliche finden dort Hilfe, Perspektiven und vor allem eine Gemeinschaft, die an sie glaubt, sie fördert und fordert und ihnen Werkzeuge an die Hand gibt, ihre Zukunft aus eigener Kraft zum Guten zu verändern.

 

Schon in Siem Reap werde ich auf diesen Zirkus aufmerksam, der dort Vorstellungen anbietet.

 

 

Auf dem Weg zum Projektgelände kommen wir an einigen ärmlichen Behausungen vorbei. Nur wenige Häuser aus Stein säumen den staubigen Weg. Viel häufiger sieht man kleine Häuser aus Holz und Wellblech zusammen gezimmert. Die Menschen grüßen uns freundlich, als wir den Weg entlang laufen, die Kinder rufen ihr übliches "Hallo", während sie übers ganze Gesicht lachen. Diese Heiterkeit täuscht über die Schwierigkeiten hinweg, denen sich diese Familien Tag für Tag zu stellen haben.

 

Nun sind wir an dem Ort, an dem die Künstler ihrer Karriere beginnen, an dem die Kinder anfangen, ihr Leben zu verändern.

Das Haus, in dem die ersten Kurse angeboten wurden, steht noch immer. Es beherbergt nun eine Sammlung verschiedener von den Kindern angefertigte Bilder und Plastiken.

 

Das Außengelände ist großzügig, sauber und sehr gepflegt. In einem Gebäude trainieren gerade einige Jugendliche. Sie schlagen Saltos, üben am Reck, machen akrobatische Übungen oder jonglieren. Es ist bunt und geschäftig, aber alle wirken sehr konzentriert und bei der Sache. Auch dass einige Neugierige am Eingang stehen und ihnen zusehen, bringt sie nicht aus der Ruhe.

 

In einem kleinem Geschäft werden T-Shirts, Postkarten, Jonglierbälle und allerlei andere Kleinigkeiten angeboten. Alle haben Bezug zur Arbeit und dem Projekt. Es gibt von den Studenten gemalte Bilder und andere selbst produzierte Produkte zu kaufen.

 

Dort komme ich mit einer jungen Frau ins Gespräch, die hier ihre Ausbildung zur Grafik-Designerin absolviert. Sie zeigt mir einen Comic, den sie und andere Studenten ihres Kurse gezeichnet haben. Die Comics beschäftigen sich alle mit Geistern, an die viele Khmer glauben und die gefürchtet werden. Stolz und begeistert wirkt sie, als sie von der Schule und ihrer Ausbildung erzählt. Diese Begeisterung, dieses Feuer scheint in den Augen vieler Kinder und Jugendlichen hier zu brennen.

 

Das Zirkuszelt füllt sich nach und nach mit Besuchern. Auch das Programm, das wir heute sehen werden – Chills – beschäftigt sich mit Geistern.

Bevor der Zirkus beginnt, führt eine Gruppe junger Männer und Frauen einen traditionellen kambodschanischen Tanz auf, der vom Fischen und von der Liebe handelt.

 

Dann betreten acht junge Leute die Bühne, zwei davon sind die Musiker, die anderen die Akrobaten.

Sie erzählen uns die Geschichte von einem jungen Mann, der große Angst vor Geistern hat. Diese suchen ihn und seine Freunde heim, gemeinsam stellen sie sich dem Kampf und versuchen, die Geister zu bekämpfen. Am Ende machen sie die Erfahrung, dass die Geister ihnen wohl gesinnt sind.

Ihre Geschichte beschäftigt sich - wie die Programme, die an anderen Tagen von anderen Gruppen aufgeführt werden, wohl auch – mit typischen kambodschanischen Themen, aber auch mit denen der Jugendlichen, die sie darstellen und mit Leben füllen.

 

Ihre Erzählung ist geschmückt mit Musik, verschiedenen akrobatischen Einlagen, Clownerie, und viel Herzblut, dass sofort auf das Publikum überspringt.

Wir sind begeistert, und ich bin tief berührt von der Energie und Leidenschaft, die diese jungen Künstler in ihre Darstellung einfließen lassen.

 

Mir steht hier deutlich vor Augen, wie ein junger Mensch sich entwickeln kann, wenn er in einem Umfeld aufwächst, dass einerseits an ihn glaubt, ihn stärkt und ihm Möglichkeiten bietet, sich zu entwickeln und andererseits hohe Erwartungen an ihn stellt und ein hohes Maß an Qualität und Leistung von ihm einfordert.

 

Zu sehen, wie souverän, mutig und professionell sie ihre Geschichte erzählt haben und gleichzeitig mit so viel Leichtigkeit, Freude und Feuereifer bei ihrer Sache waren, war eine helle Freude, ein großes Geschenk.

 

Wenn Du mehr darüber wissen willst oder dieses tolle Projekt unterstützen möchtest, findest Du hier den Link zur Website:



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