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Von der Urlaubshölle ins Paradies

Größer könnte der Kontrast zwischen Chi Phat und Sihanoukville kaum sein. Nach dem Dschungeldorfleben ist diese Stadt eine echte Herausforderung. Wir sind in einer Urlaubshölle gelandet. Es wimmelt von aufdringlichen Taxis, TukTuks und Angeboten aller Art. Aller Art. Von Drogen bis hin zu Frauen ist hier alles zu haben, zu erschwinglichen Preisen. Man sieht viele ungleiche Paare in den Straßen, am Strand und in den Bars.

Der Strand selbst ist eigentlich sehr schön. Auch die Strandbars, die sich im Hintergrund nahtlos aneinander reihen und deren Sitzgelegenheiten sich bis zum Wasser ausbreiten, sind gut aushaltbar, wenn auch sehr auf den Pauschaltourismus zugeschnitten.

 Es gibt unzählige Frauen, die gegrillte Tintenfischchen anbieten. Sie tragen ihren Kohlegrill und den Behälter mit den frischen Tieren, an Stangen über der Schulter hängend, am Strand entlang. Bei Bedarf braten sie sie und servieren sie auf Holzstäbchen gesteckt mit scharfer Sauce. Andere bieten Fuß- und Rückenmassagen an. Viele betteln um Geld. Ein blinder Mann geht jeden Abend singend durch die Stuhlreihen, geführt von einem kleinen Mädchen, dass die Leute um Geld bittet. Ihre Augen sind ganz erloschen und stumpf. Bis spät in die Nacht ist sie mit ihm unterwegs und mit ihr viele andere Kinder, die Himmelslichter, Feuerwerkskörper und Freundschaftsbändchen verkaufen.

  

Drei Nächte verbringen wir dort in einem Hostel am Serenity Beach, weil von dort die Fähren zu den Inseln Koh Rong und Koh Rong Samloem ablegen, unser nächstes Ziel, um eine wenig zu verschnaufen nach den vielen Eindrücken, die wir hier in Kambodscha in dieser kurzen Zeit gesammelt haben. In unserem Zimmer verwandelt sich die Luft innerhalb kürzester Zeit in eine Art warme schwer einzuatmende Masse. Die Nächte sind alles andere als erholsam.

 

Ich bin sehr erleichtert, als wir diese Stadt verlassen, in Richtung Koh Rong Samloem, einer der beiden Inseln, die von Sihanoukville aus mit dem Boot erreichbar sind.

 

Es gibt Orte, die mir innerhalb kürzester Zeit ans Herz wachsen, an denen ich Wurzeln schlage, sobald ich sie betreten habe. Solch ein Ort ist  Koh Rong Samloem, die Insel mit dem unaussprechlichen Namen. 

Wir landen im Paradies.

An einem abgelegenen Strand, den wir uns mit Einheimischen und Backpackern teilen. Es gibt keine befestigte Straße, nur ein sandiger Weg, der durch das Dorf führt. Die Zeit läuft hier langsamer, für alle.

Mit dem Boot kommen alle Dinge auf die Insel, die hier gebraucht werden. Sie werden auf Wagen verladen und mit hohem Kraftaufwand durch den Sand geschoben. Eine schweißtreibende Arbeit.

 

Für uns ist diese Langsamkeit Balsam. Innerhalb kürzester Zeit sind wir entschleunigt und haben uns diesem ruhigen Rhythmus angepasst. 

Wir könnten wandern, eine Bootstour zu den anderen Stränden oder der anderen Insel unternehmen, tauchen gehen, und vieles mehr. Angebote gäbe es genug. Allein das Hier-Sein, ein wenig herum spazieren, schnorcheln, essen, schlafen reicht uns. Mein gesamtes System fährt runter. Alles geschieht ganz langsam. Der Tag ist ausgefüllt mit wenigen Aktivitäten, unsere Liebste ist das Schnorcheln.

Es gibt direkt am Strand zwei gute Schnorchelstellen, die wir abwechselnd besuchen, um uns ein wenig in der Unterwasserwelt zu verlieren. Ansonsten entspannen wir uns, genießen den Ausblick und das Nichtstun.

 

 

 

Wir werden Stammgäste bei Kiki. Unser neues Lieblingslokal besuchen wir mehrmals täglich und lassen uns dort kulinarisch verwöhnen. Die ganze Familie arbeitet mit, während Großmutter Kiki - graue Eminenz und Oberhaupt des Hauses - die Finanzen verwaltet und eintreibt. Das gesamte Vermögen wird in einer großen Blechdose gesammelt, die sie die meiste Zeit mit sich herumträgt. Einer ihrer Enkel, ein junger Mann mit viel Energie und Tatendrang, leistet die Hauptarbeit, schafft die Vorräte heran, organisiert, bedient, koordiniert und deligiert. Gleichzeitig ist er aufmerksam und umsichtig, bleibt die ganze Zeit freundlich und gut gelaunt. Nur manchmal sieht man ihm seine Erschöpfung und Müdigkeit an.

Auch Kinder helfen mit und bedienen uns Gäste, was mich immer wieder mit einem seltsamen Bauchgefühl zurücklässt. So ist die Struktur hier, alle helfen mit in dem Maß, das sie leisten können. Auch die Kinder. Es gibt keine Ausnahmen.

Manchmal, wenn zu viel los ist, wird auch mal ein Backpacker verhaftet, der sich plötzlich mit zwei Tellern  in den Händen wiederfindet. Der Zeigefinger zeigt ihm den Tisch, der sehnsüchtig auf sein Essen wartet.

In den seltenen Pausen greift Kikis Enkel zu seinem Feuerstab und zeigt den Gästen ein wenig von seinem Können.

Überhaupt ist das Spielen mit dem Feuerstab hier auf der Insel weit verbreitet unter den jungen Leuten. Abends treffen sie sich an einem Hostel am Strand, entzünden ein Feuer und nach und nach zeigt jeder sein Können oder übt ein wenig. Neben Fußball spielen bei Ebbe - bei Flut existiert der Platz nicht - scheint dies das beliebteste Hobby zu sein.

 Ein besonderes Erlebnis ist das Leucht-Plankton, das um die Insel herum an vielen Stränden zu finden ist. Auch an unserem. Um es zu sehen, geht man bei Dunkelheit schwimmen. Sobald man das Plankton berührt, glimmt es kurz auf und leuchtet grünlich unter Wasser. Viele kleine glimmende Punkte umschwirren uns, als wir im Wasser sind, schwimmen und staunen. Es hat etwas Zauberhaftes an sich, diese Lichter, die nur kurz aufleuchten, um dann wieder im Dunkel zu verschwinden. Ein kleines Feuerwerk, das gleich wieder erlischt, kaum dass es angefangen hat.

Magie.

 

Die Tage auf dieser Insel gehen viel zu schnell vorbei. Sie zu verlassen fällt mir wirklich schwer und ich gehe mit dem Wissen, einen guten Ort gefunden zu haben.

 



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