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Berat - die Stadt der tausend Fenster

 

Wir sind in Berat.

Auf der Suche nach unserem gemieteten Zimmer, frage ich eine Gemüseverkäuferin nach der Straße. Obwohl ich sehr sicher bin, dass wir schon so gut wie da sind, schickt sie mich weiter Richtung Stadt. Ein kleines Stückchen fahre ich weiter, dann siegt mein Vertrauen in meine Kartenlese-Künste. Ich parke unseren Bus an der Straße – als einziges Gefährt, was mich stutzig machen hätte sollen - schließe die Kinder ein, die nicht mitkommen wollen und mache mich auf die Suche. Kurze Zeit später finde ich sie, warte auf den Besitzer, bekomme den Schlüssel und er bietet mir an, mir beim Parken zu helfen. Dieses Angebot nehme ich mehr als gerne an. Wir gehen zum Bus zurück, schon von weitem sehen wir die beiden Polizisten, die augenscheinlich auf den Besitzer des Gefährts warten. Mein Vermieter bleibt stehen und teilt mir mit, er bleibe an der Straße und warte dort auf mich, ich solle umdrehen und wieder zur Straße kommen.  

Also stelle ich mich den Polizisten alleine, lächle sie entschuldigend an und lasse mich von ihnen weiterschicken, etwas ungehalten, aber ohne weitere Konsequenzen. Im Zentrum von Berat ist ein großer Platz, der als Parkplatz genutzt wird. Ich möchte dort umdrehen, kann aber nicht mehr zurücksetzen, weil mehrere Autos hinter mir stehen und ungeduldig hupen. Also fahre ich zwischen den parkenden Autos hindurch und finde in dem Labyrinth zum Glück eine Lücke, durch die ich wieder auf die Hauptstraße gelange.

Gerade als ich durchfahren will, kommt von vorne ein kleiner blauer Wagen, parkt meine Durchfahrt zu, und der Fahrer steigt in Windeseile aus. Ich bin hochgradig alarmiert und langsam ziemlich verzweifelt. Ich hupe, um ihn auf mich aufmerksam zu machen. Es gelingt, er sieht mich an und muss lachen, als er mein entsetztes Gesicht sieht. Noch einmal bitte ich ihn ohne Worte aber mit klaren Gesten und bittender Mine, mir den Weg freizumachen. Er lächelt, setzt sich in seinen Wagen, setzt zurück, fährt mitten auf die Hauptstraße – der Verkehr kommt zum Stillstand – und wartet geduldig, bis ich durchgefahren bin. Ich bin unendlich dankbar, fahre zur Straße zurück und hoffe auf einen guten Parkplatz. Auch hier werde ich noch einmal gefordert. Unser Vermieter dirigiert mich in die schmale Straße, mehrere Autos müssen mir ausweichen, damit ich durchkomme. Rückwärts zwischen Mauer und Autos werde ich in die Parklücke gewunken. Ich bewältige auch diese letzte Herausforderung mit Bravour.

 

Nun haben wir also unser Zimmer bezogen. Es ist klein, aber mit Balkon und Küchenmitbenutzung. Die Wohnung liegt im zweiten Stock, über einem Elektrogeschäft und einem Café, wie es sie hier an jeder Ecke gibt. Über eine kleine Wendeltreppe gelangen wir zu unserer Eingangstür. Eine chinesische Frau teilt die Wohnung mit uns, sie ist jedoch die meiste Zeit in ihrem Zimmer, wir kommen nicht ins Gespräch.

 

 

In Berat gibt es eine Art Boulevard, eingebettet zwischen den Altstadtvierteln, die die Hügel hinaufwachsen, dem Fluss Osum und dem auf der anderen Seite des Flusses liegenden Berges. Man hat einen beeindruckenden Blick auf das Bergmassiv Tommor, dessen Gipfel schneebedeckt sind und in der strahlenden Sonne leuchten.

Zu jeder Tageszeit schlendern hier Menschen umher, trinken Kaffee, schlendern weiter. Wir tun es ihnen gleich. Den Großteil unserer Tage hier verlagern wir nach draußen. Unser Stammcafé, das wir gleich am ersten Tag beziehen, versorgt uns vom Frühstück bis zum Abendessen mit allem was wir brauchen.

 

Im Gegensatz zu anderen Städten, die wir in Albanien kennenlernen, hat Berat Altstadtviertel, die die Wahrnehmung des Ortes sofort verändern, ihm einen ganz eigenen besonderen Charakter verleihen. Die Häuser, die sich den Berg hinauf stapeln, blicken mit ihren Fensterfronten hinunter ins Tal, daher auch der Beiname -

„die Stadt der tausend Fenster“.

 

Jeder Tag, den wir hier verbringen, hat seinen eigenen Schwerpunkt.

Am ersten Tag mäandern wir durch die Stadt, sehen uns die verschiedenen Viertel an, schlendern durch die Gässchen - vorbei an mehreren Moscheen und Kirchen - und über den Boulevard. Im Park treffen sich die Männer und spielen Schach und andere Spiele. Es werden Popcorn, geröstete Sonnenblumenkerne, Liebesäpfel und Maiskolben auf der Straße verkauft.

Wir sitzen draußen und beobachten das Treiben.

 

 

 

Am zweiten Tag gehen wir zur Burg hinauf. Auch dort ist ein Stadtviertel, das nach wie vor bewohnt ist. Während wir durch die Burganlage gehen, spricht uns ein Mann an und macht uns das Angebot, uns das Burggelände zu zeigen. Normalerweise wiegle ich in solchen Situationen gleich ab. Dieses Mal nehme ich es an und lasse uns von ihm durch die Anlage führen. Er erzählt, dass es noch circa 40 Familien gibt, die hier oben wohnen. Auf jede Familie kommt ein Gotteshaus. Als das Burgviertel noch vollständig bewohnt war, gab es 42 Kirchen und 2 Moscheen für die circa 1200 Einwohner.

Er zeigt uns die Zisterne, in der das Regenwasser gesammelt wurde. War die Wasserreserve verbraucht, mussten die Menschen bis hinunter zum Fluss, um sich wieder mit Wasser zu versorgen.

Er ist sehr bemüht, erklärt alles auf englisch, passt auf, dass die Kinder nirgends hineinfallen und freut sich am Schluss seiner Führung über das Trinkgeld. Ob alles stimmt, was er erzählt hat, weiß ich nicht, aber er hat den Ort durch seine Geschichten mit Leben gefüllt. Wir streunen noch ein wenig durch die Gassen, genießen die Aussicht ins Tal und auf die Stadt, bevor wir in der Abendsonne wieder hinunter in die Stadt spazieren.

 

Am dritten Tag überqueren wir den Fluss, um auf den Berg zu steigen, der sich so mächtig über der Stadt erhebt. Der Weg führt zuerst durch das Altstadtviertel, dann auf einem Trampelpfad den Berg hinauf. Oben angelangt, treffen wir auf den ersten Ziegenhirten, der uns etwas auf albanisch erklärt. Erst nach langem Hin und Her verstehe ich, dass er uns den richtigen Weg zeigen will. Die Markierungen sind leider etwas spärlich, was uns später noch zum Verhängnis werden sollte.

Wir gehen weiter und treffen auf den nächsten Hirten. Er warnt uns vor den Hütehunden, die ihre Herden bewachen und verteidigen. Sein Sohn führt uns ein Stück, damit wir sicheren Fußes zurück in die Stadt kommen. Der Weg führt weiter, allerdings von der Stadt weg und ohne weitere Markierungen. Es gibt nur eine Brücke, die den Fluss überquert und über die wir wieder in die Stadt kommen. Dorthin müssen wir zurück.

Weil wir schon zu weit gegangen sind, um umzukehren, aber der Weg vor uns noch sehr weit scheint, entscheide ich, dass wir die Trampelpfade nehmen, die am Berg hinunter führen. Sie sind gut zu gehen, manchmal etwas steil, aber für die Kinder ist es eine abenteuerliche Abwechslung. Ich weiß, dass am Fuß des Berges eine Straße entlang führt. Bis dahin möchte ich mit den Kindern, um dann entspannt zurück nach Berat zu gehen. 

Allerdings gestaltet sich der Weg dann doch ganz anders als erwartet und erhofft. Zwar folgen wir immer noch dem Trampelpfad, aber er ist zunehmend verwachsen und versperrt von Baumstämmen und Gestrüpp. Wir schlagen uns durch, klettern und hangeln uns am Berg entlang – von der Straße keine Spur. Stattdessen wir es immer steiler, der Weg immer schlechter. Zum Glück habe ich Kinder, die gut klettern können und Ausdauer haben. Eine gefühlte Ewigkeit erkämpfen wir uns unseren Rückweg durch diese Wildnis, während es langsam beginnt, Abend zu werden. 

Endlich gelangen wir wieder auf einen Weg, der Richtung Brücke zu führen scheint, kurze Zeit später kommt eine Wegmarkierung, dann sehen wir die ersten Häuser. Die Zivilisation hat uns wieder, ohne größere Zwischenfälle und ohne Begegnungen mit übermotivierten Hütehunden.

 

Zur Belohnung dürfen die Kinder in der Stadt noch Boxauto fahren auf dem traurigsten Rummel, den ich je gesehen habe. Runde um Runde fahren sie, die Strapazen der „Expedition“ sind schon wieder vergessen.

 

Auf "3 Minuten" findest Du noch zwei kleine neue Filme aus Berat.

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Kommentare: 1
  • #1

    Barbara (Mittwoch, 28 Dezember 2016 19:58)

    Wow, das ist da ganz schön hoch und steil. Die Ziegenpfade runter zu klettern war ja mutig, aber vorher musstet ihr den Berg ja erst mal hoch wandern, Hut ab.
    Ich habe eben die "Drei Minuten" entdeckt. Das ist schön entspannend.
    Mir gefällt auch die Karte mit all euren Etappen. Ich freue mich auf weitere Berichte.
    Ganz liebe Grüße an euch .