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Bergamo

 Ein Stadt, die oben auf dem Berg sitzt wie ein Adlerhorst und schon von weitem gut sichtbar über der Landschaft thront. Unser nächstes Ziel ist erreicht.

 

Am Stadtrand gibt es einen Wohnmobilplatz, auf dem wir Halt gemacht haben.

Mein Sicherheitsgefühl auf einem Campingplatz ist wesentlich höher als auf einem kleinen Stellplatz in der Stadt neben einer Hauptstraße.

 

Es ist für mich ein neues und sehr seltsames Gefühl, den „Alltagsverkehr“ - Autos, Müllabfuhr, Passanten, Schüler – vorbeifließen zu sehen und als Beobachter auf der Durchreise direkt daneben zu stehen. 

Gleichzeitg entsteht eine Art Zoogefühl, sind wir doch eingezäunt und schauen aus unserem freiwillig gewählten Käfig auf die Welt, die da draussen an uns vorbeizieht.

 

Nichtsdestotrotz ist der Platz völlig in Ordnung. Es gibt eine kleine Bar, der Bus und die Bahn fahren direkt vor der Tür. Sogar eine Pizzeria ganz in der Nähe wurde mir empfohlen. Auf unserem Weg dorthin kamen wir an einer Fast Food Pizzeria – Happy Pizza – vorbei. Mir schwante schon Schlimmes. Sie wird doch nicht diesen Laden gemeint haben? Italienische Pizza, und dann so eine Bude?

 

Nein, ein paar Minuten später kam unsere Pizzeria für den Abend. Nicht dass sie viel größer gewesen wäre. Auch hier war der Betrieb auf „Pizza to go“ eingestellt, aber der Holzofen brannte und war imposant in Szene gesetzt, sie hatten sich die Mühe gemacht, einer Art Gewölbedecke einzubauen, um es gemütlicher zu machen, und es gab zwei kleine Tische mit bunten Barhockern. An einem machten wir es uns gemütlich.

Ganz überrascht über sitzende Gäste, haben die Jungs sich mächtig ins Zeug gelegt. Zu unseren Getränkedosen wurden uns stilvoll Plastikbecher gereicht, es gab jede Menge Servietten und sogar Besteck. Die Pizza war sehr gut. Nur Jorne war mit seiner Wurstel-Pizza nicht sehr glücklich, hatte er doch erwartet, dass die Wurstel ohne Pizza kommen...

 

Am nächsten Tag besuchten wir Bergamo.

 

Man kann mit einer „Furnicolare“, einer Bergbahn, von der Unterstadt in die Altstadt fahren, was wir natürlich genutzt haben. Es war für die Kinder sehr spannend zu sehen, wie wir in unserer kleinen, stickigen und bis obenhin mit Menschen vollgefüllten Kabine von einem dünnen Seil den ganzen Berg nach oben gezogen wurden.

Der Fahrer wirkte routiniert gelangweilt, wie sich das gehört. Was für ein Job, den ganzen Tag Massen an Menschen den Berg hoch und wieder hinunter zu befördern.

 

Oben angekommen, befindet man sich in einer anderen Zeit. Wären die Souvenirläden und Fressstände nicht überall, wir wären im Mittelalter gelandet. Die Häuserfassaden, die geflasterten Sträßchen und Gässchen, die Enge; alles lässt den vergangenen Geist von damals erspüren.

Die Kathedrale war sehr eindrücklich mit ihren kleinen Fenstern, ihren massiven Wänden und den Säulen, die das reich verzierte Dach tragen.

 

Was mich jedoch am meisten berührte, war eine moderne Jesus-Plastik, die unbeleuchtet und wenig beachtet hinter einer Säule stand.

Der Sockel ist nicht sehr hoch, schmucklos und eckig, fast grob. Darauf sitzt Jesus auf seinen Fersen, sein Haupt geneigt, in sich gekehrt, die Arme entspannt neben seinem bloßen Körper, die Hände offen. Keine Dornenkrone, keine Leidensmale. Statt dessen tiefe Demut und Hingabe in seiner ganzen Haltung. Und trotzdem - oder vielleicht sogar gerade deshalb - hat er eine so große Ausstrahlung, eine Kraft und Würde, die mich in die Knie zwingt, mich zu ihm nieder hocken lässt, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein. Um ihm nahe zu sein.

Was, wenn wir alle in solch einer Art und Weise durch die Welt gehen könnten? In tiefer Demut vor dem was uns geschenkt wird, jeden Tag? Mit offenen Händen, um anzunehmen, was für uns bestimmt ist, dankbar dafür. In uns ruhend und doch mit dem Außen verbunden. Ohne zu leiden.

 

Diese Fragen begleiten mich seither.

 

Aber zurück zu weltlichen Dingen. Unser Weg führte uns weiter, der Hunger und meine Kinder trieben mich schließlich aus der Kathedrale.

 

Wie findet man in solch einen Besucher-Gewusel einen Ort, wo auch die Einheimischen essen? Man hört auf die Sprache, achtet auf die Kleidung und eventuell auch auf den Grad der Hektik und verfolgt deren Weg zurück.

Wir landeten dadurch in einer wundersamen Pizzeria-Focachiaria. Die Auswahl im Schaufenster war sehr einladend, also marschierten wir hinein. Man bestellt die Pizza, die man möchte, bezahlt an der Kasse und wartet vor dem Ofen, bis sie heiß und lecker herauskommt.

Auch der Nachtisch liegt schon im Schaufenster bereit. Den konnte ich allerdings erfolgreich abwenden.

 

 

Viel war den Kindern danach nicht mehr abzuverlangen. Der Wunsch, „nach Hause“ zu gehen, wurde lauter und dringlicher. Zu meinem Glück hatte Bergamo eine Garten-Ausstellung, die sich in der ganzen Stadt verteilte. Sie bot unterschiedliche Attraktionen, unter anderem Ausstellungen in offenen Gärten und einen kleinen Klettergarten für Kinder.

Kindergarten-Gruppen und Schulklassen waren mit uns unterwegs. Ich wollte die Kinder motivieren: „Schaut, sogar die Kindergartenkinder schauen sich die Ausstellung an und gehen durch die ganze Stadt.“ Weit gefehlt. Ihr Ausflug endete vor einer Galerie, wo ein pinkfarbener Sitzsack aufgehängt war. Die Kinder stellten sich in eine Schlange, wurden nacheinander in diesen Sitzsack gehängt und von einer ihrer Erzieherinnen fotografiert...

Auch der Klettergarten, der die Kinder nochmals für eine kurze Zeit beschäftigte, wurde schließlich von der Kinderhorde übernommen.

 

Also machten wir uns auf den Rückweg, zum Furnicolare, den Berg wieder hinunter und zurück zu unserem Zuhause.


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