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Si Phan Don - die viertausend Inseln

Ganz im Süden von Laos wird der Mekong etwa 14 Kilometer breit. Hier liegen die "viertausend Inseln", eine Ansammlung von Inseln und Sandbänken in unterschiedlichsten Größen. Während die größeren Inseln bewohnt sind, verschwinden die Sandbänke zur Regenzeit wieder im Fluss.

 

Das Leben hier hat sich in den letzten Jahren sehr verändert, vor allem auf Grund der Backpacker, die immer zahlreicher auf die Inseln strömen.

Wir sind auf Don Det.

Gab es vor gar nicht allzu langer Zeit nicht einmal Elektrizität auf der Insel, erfüllt sie inzwischen die Ansprüche und Erwartungen der "Falangs" vollkommen, vom Ventilator bis zum Internet.

„Falang“, so wird uns erklärt, heißt so viel wie Fremder. Tatsächlich heißt es wohl Langnase, ein schöner Name wie ich finde, und so passend für uns.

 

Die Insel hat sich in kürzester Zeit von einem unberührten und unerschlossenen Fleckchen Erde zu einem beliebten Reiseziel entwickelt. Wer nach Laos reist, besucht auch die viertausend Inseln, so scheint es. Und es sind längst nicht mehr nur Backpacker oder Aussteiger, die hier entspannen und die Seele baumeln lassen.

 

Auf Don Det gibt es unzählige Unterkünfte, Restaurants und Ausflugsangebote aller Art, für jeden ist etwas dabei. Man könnte, wie an so vielen anderen Orten, auch hier in eine Art Besichtigungsstress verfallen und damit beginnen, die Liste der "Must Sees"  und "Must Dos" abzuarbeiten. Aber die Ruhe und Langsamkeit des Lebens hier erfasst die meisten Besucher sofort.

Auch wir beginnen unsere Morgen langsam, lassen uns durch so manchen Tag treiben und lassen ihn abends entspannt ausklingen. Es scheint ein idealer Ort zu sein, um "hängenzubleiben". 

 

Unsere Unterkunft ist eine sehr einfache Hütte auf Stelzen mit kleinem Balkon und der obligatorischen Hängematte. Im Haus neben uns hängen Fischernetze am Eingang, die Hühner und Enten suchen sich ihr Futter und manchmal verirrt sich ein Kalb hierher. Alles folgt einem langsamen Rhythmus.

 

Um die beiden Inseln - Don Det und Don Khon - besser kennen zu lernen, machen wir eine Fahrradtour zu den Li Phi-Wasserfällen. Der Weg führt uns am Flussufer entlang. Je weiter wir den Hauptort hinter uns lassen, desto spärlicher werden die Restaurants und Unterkünfte, und desto mehr macht sich das ländliche Leben breit. Kuhherden und Wasserbüffel begegnen uns, im Schatten der Bäume dösend oder sich im Mekong abkühlend. Hunde, Schweine, Hühner laufen frei herum, weichen unseren Rädern und denen der Mopeds aus, die - wie in so vielen Orten Asiens - auch hier das Hauptverkehrsmittel sind.

 

Wir kommen am französischen Pier vorbei. Zu Zeiten der französischen Kolonialherrschaft wollte Frankreich seinen Einfluss in Asien weiter ausbauen und den Mekong auf seiner gesamten Länge schiffbar machen. Ziel war es, mit Hilfe von Kanonenbooten auch den oberen Teil des mächtigen Flusses zu befahren und zu kontrollieren. 

Wie aber sollten sie die Mekong-Fälle, die auf der Höhe der Inseln Don Det und Don Khon in die Tiefe stürzen, überwinden?

 

Mehrere Versuche, ein Dampfschiff über die Stromschnellen hinauf zu ziehen, misslangen kläglich. 

Um dieses unüberwindliche Hindernis trotzdem zu umgehen, wurde schließlich eine Eisenbahnstrecke gebaut, die zwei Anlegestellen - eine unterhalb, eine oberhalb der Wasserfälle - miteinander verband. Auf diesem Weg wurden auch die auseinander montierten Kanonenboote transportiert, die schließlich - wieder zusammen gesetzt - den oberen Teil des Mekong befuhren. Später wurden auch Waren und Personen über die Inseln transportiert.

 

Ab jetzt befahren wir die ehemalige Bahntrasse bis zur Eisenbahnbrücke, die seitdem Don Det mit Don Khon verbindet.

 

Die Sophamit- Fälle heißen auch Li Phi, " die Seelenfalle". Nach dem Glauben der Einheimischen, verfangen sich verdorbene Seelen hier.

Um die Wasserfälle zu finden, folgen wir einfach dem tosenden Geräusch, das immer lauter wird, je näher wir kommen. Der Anblick der Wassermassen, die sich die Felsen hinunterstürzen, ist Atem beraubend. Wie jemand so größenwahnsinnig sein konnte zu glauben, er könnte diese Fälle überwinden, dazu noch mit einem Schiff, ist mir unbegreiflich. 

Überall stehen Warnschilder an den leidlich errichteten Absperrungen. Das Wasser ist unfassbar laut, das ganze Naturschauspiel  sehr Respekt einflößend und tief beeindruckend.

 

Wir erholen uns von der Fahrt im Schatten einer Hütte, die zum dortigen Restaurant gehört, lassen die Landschaft auf uns wirken und tanken Energie für die Rückfahrt.

Auf dem Weg zu unseren Rädern, machen wir noch Halt bei einem eingerichteten Badeplatz. Während neben uns die Wassermassen sich auf ihren bevor stehenden Fall vorbereiten, sitzen wir in einem sicheren Becken, widerstehen der Strömung, die auch hier noch gut zu spüren ist, und kühlen uns ab.

 

Auf dieser Insel kann man sich herrlich treiben lassen. Nicht nur durch den Tag, sondern auch den Mekong hinunter. Wir mieten uns also drei aufgeblasene Autoschläuche und lassen uns flussabwärts tragen. In gemächlichem Tempo treiben wir am Ufer entlang, beobachten das Leben und lassen uns von den Wellen der Boote durchschaukeln, die immer wieder vorbei fahren. Ab und zu weichen wir Büschen aus, die aus dem Fluss wachsen und machen einen größeren Bogen um die Wasserbüffel, die den Anblick von Zweibeinern dieser Art gewohnt zu sein scheinen. Eine Schule sehen wir vom Wasser aus, und auch dem Pier begegnen wir wieder.

Erst kurz vor der Eisenbahnbrücke gehen wir an Land und spazieren wieder zurück, nass, glücklich und hungrig.

 

Abends sitze ich an der Anlegestelle, während die Kinder sich beim Baden austoben. Auch hier finden sie andere Kinder, die mit ihnen spielen. Es werden Boote ausgebessert und neu gestrichen, neue Besucher kommen an und Mopeds werden auf die Nachbarinsel gebracht, während die Sonne langsam untergeht. Es ist so friedlich und kitschig, fast nicht zum Aushalten, so schön. Ja, auch das Feierabend-Bier fehlt nicht, ein perfekter Abend.

 

Auch mich erfasst diese Lethargie, die es mir schwer macht, an eine Weiterreise zu denken, geschweige denn aktiv darauf hinzuwirken. Ein für uns schockierendes Erlebnis rüttelt uns wach, das schließlich unseren Abschied von der Insel einläutet.

 

Abends sitze ich mit den Kindern beim Essen, als wir plötzlich ein lautes Wutgebrüll hören, gefolgt von einem Geräusch, als würde ein Kopf auf Stein knallen, ein Geräusch, das man nie wieder vergisst, hat man es einmal gehört. Ich drehe mich um, aber nichts deutet darauf hin, dass etwas passiert ist. Einen Mann sehe ich, der weggeht, alle anderen sehen so aus, als wäre nichts geschehen. Die Gespräche gehen weiter, ich zweifle schon an meinem Verstand, als ich einen "Falang" sehe, der zu einer Tischgruppe geht, sich hinunter beugt und - auf deutsch - " Die macht es wohl nicht mehr lange", sagt, bevor er sich wieder umdreht und weitergeht. 

 

Also ist etwas passiert. Und nun? Es ignorieren, damit ich die Kinder nicht verunsichere? So wie alle anderen, Einheimische wie Ausländer? Das kann ich nicht. Also gehe ich hin und finde unter dem Tisch, schwerst verletzt, eine kleine Katze. Die Katze, die, seit wir auf der Insel sind, jeden Tag bei den Nachbarsfrauen auf dem Tisch sitzt oder liegt, sich streicheln lässt und immer dabei ist, während die Frauen Gemüse vorbereiten und andere Arbeiten am Tisch erledigen. Sie wurde wohl aus Wut dorthin getreten oder geworfen, ich weiß es nicht. Was ich weiß ist, dass sie sterben wird und starke Schmerzen hat. Sie kann nicht mehr richtig atmen, sich kaum bewegen, verdreht die Augen vor Panik und Schmerz. Auf die Katze hat keiner geachtet, geschweige denn sich darum gekümmert, aber mich beobachten sie nun, wie ich mich hinunter beuge, leise und beruhigend auf sie einrede und sie schließlich mitnehme. Ich bitte die Kinder, alleine fertig zu essen und dann zu unserer Hütte zu kommen. 

 

Als sie die Katze sehen, sind sie vollkommen verstört, sehr traurig und aufgebracht. Dass die Laoten mit Tieren anders umgehen als wir, kann ich noch nachvollziehen, wenn auch nicht gutheißen. Aber dass keiner der Besucher etwas gesagt oder gemacht hat, macht mich enorm wütend. Haben wir denn nicht einen anderen Umgang mit Tieren gelernt - zumindest mit denen, die wir nicht essen? Die unwürdige Haltung, unserer Fleischlieferanten ignorieren wir ja erfolgreich.

Aber die ganze Wut hilft uns nicht, wir sind für die kleine Katze da, beruhigen sie, soweit es geht, und begleiten sie in den Tod. Woher diese ganze Wut, die sich an diesem kleinen Wesen abreagiert hat?

 

Am nächsten Tag gehe ich mit den Kindern los, wir beerdigen sie am Fluss.

Wer die Katze getötet hat und warum erfahren wir nicht. Aber die Leute erfahren, dass wir das nicht gutheißen. Dass wir anders denken über eine solch sinnlose Tat. Dass es keine gute Werbung ist, wenn ein Tier einfach aus Wut getötet wird.

Auch den Frauen fehlt die Katze, so scheint es mir. Dort, wo die kleine Katze Tag für Tag lag, ist nun eine Lücke.

Und ich hoffe sehr, sie schmerzt.

 

Nach diesem Erlebnis frage ich mich, wie sich das Leben auf der Insel für die Männer verändert hat? Ja, es gibt nun Elektrizität, es gibt Internet und andere Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Aber viele der Arbeiten, die mit den Gästen zu tun haben, scheinen traditionell den Frauen zuzufallen. Die Hütten sauber machen, kochen, bedienen - ich sehe fast nur Frauen, die diese Dinge erledigen.

Der Laden neben uns ist ein Tag geschlossen, aber nicht, weil niemand da wäre. Der Mann ist da und kümmert sich - wie jeden anderen Tag auch - ausschließlich um seine Kampfhähne, die er trainiert, wäscht, pflegt und füttert. Das Geschäft ist zu, weil die Frau nicht da ist, die sich sonst darum kümmert. Auch bei anderen Gelegenheiten beobachte ich dieses Phänomen. 

 

Haben die Männer vielleicht ihre Rolle als Ernährer eingebüßt bei der Entwicklung der Insel? Viele von ihnen müssen nicht mehr fischen oder das Feld bestellen, um den Erhalt der Familie zu sichern. Sie schleppen Getränkekisten und reparieren hier und da etwas. Aber die Hauptarbeiten, die durch die Veränderungen zu tun sind, scheinen nun die Frauen zu erledigen.

 

Natürlich gibt es auch die Männer, die Ausflüge, Bootstouren oder anderes anbieten. Aber dort mischen auch "Hängengebliebene" kräftig mit, die sich mit der Organisation und der Struktur wesentlich leichter tun, kennen sie diese Systeme schließlich von Kindesbeinen an und sind durch ihre Ausbildung und ihren Erfahrungen deutlich im Vorteil.

Ob ich mit meinen Beobachtungen und Interpretationen richtig liege, weiß ich nicht.

 

Nach diesem Erlebnis und der Erfahrung, wie die Einheimischen mit unserer Kritik umgegangen sind, fällt uns der Abschied von der Insel nicht mehr schwer. Innerhalb kürzester Zeit sind wir abreisebereit, haben unsere Tickets organisiert und sitzen einen Tag später im Boot, das uns zurück nach Nakasong bringt. Von dort aus setzen wir unsere Reise fort.

Erst zurück nach Pakse, und von dort mit Rollern zum Bolaven-Plateau.



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